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AGNIESZKA SZOSTEK
'FIRMA'
18.06.-30.07.2011
Press release and Interview Szostek, Reiß see below
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| Agnieszka Szostek, '®', 2011, acrylic on canvas, 100x150cm |
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Agnieszka Szostek, untitled, 2011, acrylic on masonite plate, Ø 73cm |
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| Installation view 'Firma', Galerie Ben Kaufmann, 2011 |
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Agnieszka Szostek, 'Wolke', 2011, acrylic glass, polystyrene, cardboard, 240x110x23 cm
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Agnieszka Szostek, untitled, 2011, velvet and paint on masonite plate, Ø 73cm |
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Installation view 'Firma', Galerie Ben Kaufmann, 2011
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Agnieszka Szosteks Arbeiten lassen sich auf verschiedene Inspirationsfelder zurückführen. In ihrem Werk verbindet sich Divergentes: Es handelt sich sowohl um eigenständige Konstruktionen als auch um eine Mimesis an historische Bildformeln, an Alltags- und Populärkultur. Die Arbeiten bezeugen ein Interesse an vorgefundenen Formen, die aus ihrem ursprünglichen Kontext isoliert, reduziert und verfremdet werden. Indem hierbei ganz unterschiedliche Themenbereiche berührt und miteinander verknüpft werden, vollzieht sich eine Synthese, die neue Bedeutungen evoziert.
Die zumeist geometrischen Kompositionen Szosteks sind augenscheinlich sorgfältig konstruiert. Hilfslinien oder –punkte, die bei der Anordnung und präzisen Ausführung der Bildelemente Verwendung finden, bleiben erhalten. Zugleich spielt der Aspekt des Unperfekten eine Rolle. Farbe verläuft, die Ränder der geometrischen Formen fransen aus, die mit Lineal gezogenen Linien werden freihändig mit Acrylfarbe nachgezogen und unbeabsichtigt entstandene Farbspuren bewahrt. Die Bilder wirken nachwievor malerisch und lassen das künstlerische Subjekt hinter ihnen erkennen.
Viele der Arbeiten oszillieren zwischen Gegenstandslosigkeit und Gegenstandsbezug. So das Bild mit dem Titel „Orange“. Es zeigt – vor gelbem Hintergrund – einen orangefarbenen Kreis, akzentuiert durch ein blaues Kreuz in der Mitte. Der zweidimensionalen Fläche des Kreises wird durch einen dunklen Blauton, der in einigen Bereichen durch das Orange hindurch schimmert, eine gewisse Körperlichkeit verliehen. Sowohl der visuelle Eindruck dieser Arbeit als auch ihr Titel sind zweideutig. Sie lassen die Möglichkeit einer Deutung als Stillleben zu, als Darstellung einer Frucht in der das blaue Kreuz den Stielansatz repräsentiert oder sie als abstrakte Hommage an die Farbe Orange zu verstehen, in der Vorbilder aus der Kunstgeschichte anklingen.
Vergleichbar in ihren mehrfachen Bezügen ist die Arbeit „Gitter“. Auf einer weiß grundierten, quadratischen Fläche ordnen sich schwarze Rechtecke konzentrisch um ein goldenes Viereck und erinnern an ein aufgebrochenes suprematistisches Quadrat. Die Wirkung ist die eines Op Art Bildes, in dem die Rechtecke einen illusionären Tiefenraum öffnen und zugleich eine rotierende Bewegung um die goldene Fläche im Zentrum zu vollziehen scheinen. Vorgesehen ist für dieses Bild eine Befestigung an der Decke eines Raumes, eine Präsentation, die eine Referenz an den gegenständlichen Bezugspunkt dieser Arbeit darstellt: ein industrielles Lüftungsgitter.
Für das Werk „Homunculus“ übernimmt Szostek die wesentlichen Kompositionslinien der anatomischen Darstellung eines Menschen aus dem 16. Jahrhundert. Selbst ohne Kenntnis dieser Vorlage rufen die anthropomorphen Formen das Bild einer menschlichen Figur auf. Unterstrichen wird dies durch die an einer Vertikalen orientierte Symmetrie der Komposition, die dem achsensymmetrischen Aufbau des menschlichen Körpers entspricht. Allein durch die Farbgebung entstehen zwei Bildebenen. Der Hintergrund ist in einem leuchtenden Blau lasiert. Die Figur ist – ebenso wie der Rahmen, mit dem sie übergangslos verbunden ist – in einem dichten Rotton gehalten, der die Fläche abschließt. Scherenschnittartig liegt die rote Form damit vor der Tiefe des Blaus.
Im Aufbau ist „Homunculus“ vergleichbar mit den ebenso symmetrisch aufgebauten und auf komplexe räumliche Staffelung verzichtenden Jahreszeiten-Darstellungen von Philipp Otto Runge. Auch sie haben einen Rahmen, der das Hauptmotiv inhaltlich ergänzt. Bereinigt um Details, um romantische Allegorien und Symbolik ist Szosteks einfache Form selbst wieder dazu geeignet Teil eines komplexeren Systems zu werden. Der rote Rahmen, der links und rechts jeweils eine gemeinsame Linie mit dem Rand der Leinwand besitzt, begrenzt die Darstellung nicht. Er scheint in den außerhalb des Bildraums gelegenen Raum überzugreifen und suggeriert eine unendliche, ornamentale Wiederholung des Motivs.
Auch in der Skulptur setzt sich der Vorgang der Aneignung und Transformation fort. In der Installation „Wolke“ werden gefundene Objekte aus Styropor, wie sie als Verpackungsmaterial Verwendung finden, in einem Quader aus transparentem Acrylglas gezeigt. Der Titel hebt zwei wesentliche Merkmale des Styropors hervor, die innerhalb dieser Installation besonders betont werden: die schwebende Leichtigkeit, die Zusammensetzung der Formen aus kleineren Elementen und die weiße Farbigkeit.
Als Sockel für den Kasten aus Acrylglas dient eine zwei Meter hohe, zylinderförmige Papprolle. Durch diese Präsentationsform, die im Widerspruch zur ursprünglichen Banalität der Styroporobjekte steht, erfahren die Objekte im wörtlichen wie im übertragenen Sinn eine Überhöhung und dadurch eine Auratisierung. Der Fokus wird von ihrer Funktion auf die Form gelenkt.
Im Abgleich mit Bekanntem fällt nun die Analogie zu Modellen historischer Architekturformen ins Auge: die Umrisse einer altägyptischen Sphinx neben tempelartigen Monumentalbauten, die in ihrer Schlichtheit wiederum eine Verbindung zu moderner Bauweise erkennen lassen.
In ihrer Vieldeutigkeit berühren Szosteks Werke erkenntnistheoretische Fragestellungen. Sie veranschaulichen, wie das Beschreiten verschiedener Wege zum Erkenntnisgewinn zu unterschiedlichen Ergebnissen führt. Verlässt sich der Betrachter rein auf seine Sinneswahrnehmung kommt er zu einem anderen Ergebnis, als wenn er sich bei der Betrachtung von der Vernunft leiten lässt. Abhängig von individuellen Erfahrungen variiert auch die Anzahl der Bezüge, die sich erschließen. Es wird die Frage aufgeworfen, ob sich Erkenntnis den betrachteten Gegenständen anpasst oder ob die von uns wahrgenommene Wirklichkeit durch unser Erkenntnisvermögen geprägt ist.
Agnieszka Szosteks Arbeiten lösen diese Fragen nicht auf, indem sie behaupten eine Einsicht in das Wesen der Dinge zu bieten. Folgt man Adorno, so können sie dies auch gar nicht leisten, denn „Kunst [ist] so wenig Abbild wie Erkenntnis eines Gegenständlichen"¹, sondern Objektivation von Erfahrung. In Szosteks Werk spiegelt sich die Erfahrung einer Wirklichkeit, in der das Subjekt, zumal das künstlerische, einer Flut an Einflüssen ausgesetzt ist, die gleichwertig nebeneinander bestehen können.
Trotz einer oft großen formalen Nähe zu historischen Tendenzen geometrischer Abstraktion weisen Szosteks – im eigentlichen Wortsinn – abstrakten Konstruktionen, die aus der gegenständlichen Welt Wesentliches „herausziehen“, Slogans wie Theo van Doesburgs „das Gemälde [bedeutet] nichts anderes als sich selbst“² oder Frank Stellas „Man sieht das, was man sieht.“³ zurück.
Henrike Büscher
¹ Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie, Gesammelte Schriften, Band 7, Frankfurt a.M. 1970, S. 425.
² Theo van Doesburg u.a., Die Grundlage der konkreten Malerei (1930), in: Charles Harrison, Paul Wood (Hg.), Kunsttheorie im 20. Jahrhundert, Ostfildern-Ruit 2003, S. 441.
³ zitiert nach: Bruce Glaser, Fragen an Stella und Judd, in: Gregor Stemmrich (Hg.), Minimal Art. Eine kritische Retrospektive, 2. Aufl., Dresden 1998, S. 47.
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Interview Agnieszka Szostek, Berthold Reiß
Agnieszka Szostek (A.): Ist Dir etwas Neues eingefallen?
Berthold Reiß (B.): Nein. Mir ist etwas Altes eingefallen. Zu Beginn der Moderne gab es im Russischen das selbstwertige Wort, samovitoe slovo.
A.: Auf Polnisch samodzielne s?owo, das selbständige Wort. Eigentlich kann ich das nicht übersetzen. Es ist in sich ein Widerspruch. Du sprichst wahrscheinlich über „Firma“.
B.: Darauf habe ich es noch nicht bezogen. Ist das nicht eher so viel wie: „Es ist, was es ist.“?
A.: Nein, weil das Leben nie gleich ist.
B.: Das Wort heißt da aber doch selbstwertig oder selbständig.
A.: Trotzdem ist es nicht A=A.
B.: Sogar Theologie hilft mir da nicht weiter. Leo Trotzki vergleicht das selbstwertige Wort mit dem Anfang des Johannesevangeliums.
A.: -?
B.: Und er kommt in diesem Zusammenhang auf „Formalismus“. Für Johannes scheint das Wort absolut, für die Kommunisten relativ.
A.: Für mich ist beides sinnvoll.
B.: Genau das ist das Problem. Dann ist nämlich „Firma“ absolut und relativ, fundamentalistisch und ökonomisch zugleich.
A.: Ich produziere nichts. Ich schaffe keinen Glauben.
B.: Du zeichnest am Computer. Trotzdem finde ich wenig Perfektion.
A.: Doch. Es geht um Perfektion.
B.: Aber auf sehr verschiedene Weise. Warum zum Beispiel besteht die Skulptur aus Styropor, Plexiglas, Holz und Pappe?
A.: Aus Notwendigkeit. Diese Elemente sind perfekt für dieses Ergebnis.
B.: Würdest du, wenn das ginge, eine Skulptur machen, die im Raum schwebt oder schwebend im Raum sich bewegt?
A.: Doch, das würde ich gerne machen. Aber das liegt nicht in meiner Macht. Wenn die Perfektion erreicht wäre, wäre es langweilig.
B.: Eine Firma, um das Unmögliche zu produzieren?
A.: Genau. Es gäbe keinen Stein ohne den Sisyphos.
B.: Ist das nicht zu heroisch? Dein Plakat zeigt doch nicht nur einen Helden. Ich finde auch wichtig, daß dieser Held nicht nur modern ist. Von wann ist das?
A.: Aus der Renaissance. Die zwei Helden stellen die Wiedergeburt eines Menschen dar, der „komplett“ ist.
B.: Genauso komplett war das selbstwertige oder selbständige Wort der Moderne. Kann es sein, daß du dessen Wiedergeburt auf den Menschen beziehst?
A.: Ich bin nicht der Schöpfer.
B.: Das hast du ja schon gesagt: Du produzierst nichts. Du schaffst keinen Glauben. Trotzdem nennst du deine Ausstellung „Firma“.
A.: Ich nähe die Erfahrung und den Glauben zusammen. Ich halte beides für wichtig. Daraus entsteht eine neue Geschichte.
B.: Sind darum die Geschichten so vielfältig? Ich finde bei Dir Archaismus, Popismus, eine Art Aristotelismus und Folklorismus, wenn ich an einen Titel wie „Polka“ denke.
A.: Das ist die neue undisziplinierte Art von Leben: A=1.
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