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Andreas bunte
'KUEnstliche Paradiese'
07.11.-19.12.09
'Künstliche Paradiese' ist ein Konvolut von Recherchematerial und fragmentarischen filmischen Skizzen, das einen Bogen spannt von Eisenbauten des 19. Jahrhunderts über Jugendstilarchitektur hin zu den Anfängen des Radios im 20. Jahrhundert. Ausgangspunkt für diese Sammlung war eine Notiz aus dem Anhang des Passagen-Werks von Walter Benjamin, über den Jugendstil:
Wenn wir uns früh an einem Reisetage erheben müssen, so kann es vorkommen, daß wir, ungeneigt uns dem Schlafe zu entwinden, träumen, wir stehen auf und ziehen uns an. So einen Traum träumte die Bourgeoisie im Jugendstil, fünfzehn Jahre bevor die Geschichte sie dröhnend weckte.
(AC, S.684/II)
'Künstliche Paradiese' gewährt Einblick in die Recherche, die sich hieraus entwickelt hat. Als Display dient ein Holzgitter, auf dessen gleichförmigen Modulen Bildtafeln und Projektionsflächen montiert sind und das die Ausstellungsräume zu einem Parcours verbindet.
Das Recherchematerial bleibt in seinen Verästelungen sichtbar und wird nicht zu einer linearen Geschichte beschnitten oder auf eine These hin konzentriert. Es bleibt Fragment, dessen gleichwertige Elemente sich kaleidoskopisch zu immer neuen Bedeutungsmustern fügen.
'Film 1 (Maison Horta)' zeigt eine Folge von Innenansichten des Hauses, das der Jugendstilarchitekt Victor Horta in den späten 1890er Jahren für sich entwarf. Die hier erstmals im Wohninterieur eingesetzten Eisenelemente sind aufwändige Einzelstücke, bei denen das künstliche Material zu Arabesken und Pflanzenornamenten geformt ist. Eine Glasdecke lässt die Außenwelt nur als milchiges Oberlicht eindringen und trägt so zu der entrückten Atmosphäre der Innenräume bei. Die Verwendung des modernen Baumaterials im Interieur verschleiert dessen industrielle Herkunft und steht im Gegensatz zu seiner seriellen Verwendbarkeit in transparenten Konstruktionen. Es wird Teil einer symbolistischen Traumwelt, die sich den Zumutungen der modernen Welt zu entziehen versucht. Durch analoge Doppelbelichtung wird der abgeschlossene Kosmos des Maison Horta mit Bauwerken der verdrängten, industrialisierten Außenwelt, aber auch mit den tropischen Scheinwelten der Gewächshäuser des 19. Jahrhunderts zu einer Art 'dritten Architektur' verschmolzen, zu einem hybriden Raum im Spannungsfeld zwischen öffentlich und privat, Innen und Außen, dem Rationalen und dem Fantastischen.
In 'Film 2 (Eisenbauten)' wird Bildmaterial präsentiert, das teilweise in den Überblendungen von 'Film 1 (Maison Horta)' wiederkehrt. Wie in der Dokumentation einer Stoffsammlung bleibt sichtbar, dass die Bilder von Buchseiten, Photokopien, Postkarten oder Computerausdrucken abgefilmt wurden.
Auf Schautafeln wird die Bildsammlung erweitert, unter Überschriften provisorisch geordnet und mit Beschriftungen versehen. Es eröffnet sich ein Feld aus Abbildungen von Ingenieurarchitektur des 19. Jahrhunderts, dem Crystal Palace, von Gewächshäusern, Bahnhofs- und Ausstellungshallen, Eisenbahnabteilen oder von Sendemasten der ersten Radiostationen im frühen 20. Jahrhundert.
Das 'neue' Baumaterial Eisen wurde als revolutionär angesehen und sollte zu einer radikal neuen Architektur und Ästhetik führen. In Gewächshäusern, repräsentativen Ausstellungsbauten oder den Geschäftspassagen des 19. Jahrhunderts manifestiert sich die neue Bauweise aus industriell gefertigten Eisen-Glas-Modulen, in der die Trennung von Innen- und Außenraum aufgehoben scheint. Als Schutzhüllen exotischer Kulturlandschaften oder einer von ihren Produktionsbedingungen entkoppelten, zur Schau dargebotenen Warenwelt fungieren die Eisenbauten jedoch auch als von der Alltagsrealität abgesonderte, künstliche Orte des Spektakels. Ein verwandtes Thema, das sich durch das reiche Bildmaterial zieht, ist die Dialektik, die sich zwischen dem rationalen und funktionalen Charakter der Eisenarchitektur des Industriezeitalters und den eskapistischen Aspekten ihrer tatsächlichen gesellschaftlichen Funktion entwickelt.
Am Heiligen Abend 1906 strahlte der kanadische Erfinder Reginald Fessenden eine der ersten Radiosendungen aus. Nach eigenem Bekunden hielt er eine kurze Ansprache, spielte ein Weihnachtslied auf der Geige und las einen Bibelvers vor. Dieses, nur durch Fessenden selbst dokumentierte Ereignis, wird in dem dritten Film 'Film 3 (Stimmen aus Strom)' inszeniert. Wie die anderen Filme ohne Ton und Farbe auf 16mm gedreht, bekommt die fiktive Nachstellung den Charakter eines historischen Filmdokuments.
Mit der neuen Radiotechnik dringt Anfang des 20. Jahrhunderts die Außenwelt über den 'Äther' in das bürgerliche Interieur. Strategien der Verpuppung und Maskierung erweisen sich gegen diesen Einlass einer technisierten und medialisierten Welt als obsolet. Zugleich steht mit dem Radio ein neues Mittel der Weltflucht bereit, das wirkliches Erleben durch medial vermittelte Wirklichkeit ablöst.
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